Brutkästen im Ozean

Korallenriffe gehören zu den artenreichsten Lebensräumen der Erde – und sind extrem gefährdet. Thailändische Biologen haben eine Methode entwickelt, um die Naturparadiese zu retten. Mit Hilfe von PVC-Röhren forsten sie den Meeresgrund wieder auf. 

Was viele Menschen nicht wissen: Korallen sind keine Pflanzen, sondern es handelt sich um winzige Tiere. Ähnlich wie Schnecken leben sie in harten Kalkskeletten, die zusammenwachsen und unter Wasser riesige Riffe bilden können. Im Idealfall wimmelt es dort von bunten und exotischen Bewohnern wie Anemonen-, Doktor- oder Feuerfischen. Auch seltene Pflanzen gedeihen hier – und verwandeln Riffe in ein Eldorado für Taucher und Forscher. Doch es gibt immer weniger gesunde Korallenbänke auf der Welt. 30 Prozent der sehr sensiblen Ökosysteme gelten inzwischen sogar als abgestorben. Ein Grund dafür ist, dass die Meere wärmer werden. Ausserdem führen intensives Fischen und der Massentourismus zu gravierenden Schäden unter Wasser.

Röhrenexperiment
Ein spannendes Projekt zum Schutz der Koralle gibt es nun in der Region Sattahip im Nordosten von Thailand. Dort stecken Forscher Bruchstücke aus Korallen in rechtwinklig geformte PVC-Rohre, die auf einem Gitter aus Hart-PVC befestigt sind. Danach verankern sie das Gerüst im Meeresgrund. Die Konstruktion lockt zahlreiche Mikroorganismen und Fische an. So wird das Riff in relativ kurzer Zeit wieder lebendig und bietet Meerestieren eine neue Heimat.

Neun Jahre lang haben Meeresbiologen des örtlichen Rajabhat- Rambhaibharni- Instituts daran gearbeitet, diese Methode zu entwickeln. Auf die Idee sind sie durch einen Zufall gekommen. Als Professor Prasarn Saengpaiboon und seine Studenten beim Tauchen ein totes Riff untersuchten, steckte einer der Schüler eine abgestorbene in eine gesunde Koralle. Einen Monat später entdeckten sie, dass der transplantierte Teil wieder genesen war – und starteten ein neues Forschungsprojekt. “Wir haben zum weltweit ersten Mal erfolgreich Geweihkorallen gezüchtet”, sagt Prasarn.

Umweltfreundlich und kostengünstig
Das Verfahren ist so einfach, dass es jeder anwenden kann. Und es ist kostengünstig: Der Träger besteht komplett aus PVC, das sehr widerstandsfähig ist und so besonders lange hält. “Wir können den Kunststoff sogar mehrmals verwenden”, erklärt Prasarn. Im Gegensatz zu PVC würde Holz im Wasser verrotten, Eisen rosten und Beton langsam zerbröseln. “Das Material ist umweltfreundlich und gibt keine chemischen Stoffe ab, die den Meeresbewohnern schaden”, ergänzt der Biologe.

10.000 Zweige in zwei Jahren
Um das Forschungsprojekt in grossem Stil umzusetzen, fehlte es jedoch bislang an Geld. Der thailändische PVC-Hersteller Vinythai, ein Unternehmen der Solvay-Gruppe, sponsert nun eine gross angelegte Wiederaufforstung der Riffe. Motto der Aktion: Lasst 10.000 Korallenzweige wachsen! In den kommenden zwei Jahren sollen entsprechend viele Korallenstücke am Meeresboden ausgesetzt werden. Vincent de Cuyper, Geschäftsführer von Vinythai, erklärt: “Wir unterstützen dieses Projekt, weil wir zeigen wollen, dass PVC auf eine positive und völlig neue Weise eingesetzt werden kann – nämlich um die Umwelt zu schützen.” Dazu hat das Unternehmen eigens eine Stiftung angelegt, die Marine Science Activity and Conservation Foundation.

Den Erfolg der Aktion sichert auch die Bevölkerung. Mehr als 6.000 Freiwillige, vor allem Schüler und Studenten, packen mit an. Die Erfolgschancen sind gut: Das Projekt konzentriert sich auf Gebiete, in denen kommerzielle Fischerei tabu ist. Die Wissenschaftler schätzen, dass die Korallen unter diesen Bedingungen pro Jahr um mindestens zehn Zentimeter wachsen. Um die Zukunft der Naturparadiese zu sichern, ist aber auch Aufklärung wichtig. Vinythai finanziert deshalb ein Jugendcamp, in dem Kinder und Jugendliche mehr über den Ozean erfahren: Die Nachwuchs-Forscher können sich dort nach Herzenslust der praktischen Meeresbiologie widmen.

Stichwort: Koralle
Korallen gehören zum Stamm der Hohltiere, das sind im Wasser lebende Vielzeller. Ihren Kopf bilden winzige gelb-braun-grünliche Polypen, die laufend Kalk produzieren und daraus harte Skelette bilden, auf denen die Tiere festsitzen.

Schon wenn sich die Wassertemperatur um ein Grad erhöht, kann das bei den empfindlichen Tieren zu Schockreaktionen führen: Zunächst werden die Algen abgestossen, mit denen die Korallen in Symbiose leben. Dadurch verlieren die Korallen ihre Farbe – Experten sprechen vom Ausbleichen.
Ausgeblichene Korallenriffe können sich zwar regenerieren – doch das dauert teilweise bis zu 500 Jahre.

Das grösste und bekannteste Riff der Welt ist das Great Barrier Reef vor der Ostküste Australiens. Es ist bereits zu zwei Dritteln ausgeblichen.

1998 galten elf Prozent der Korallenbänke als zerstört, heute sind es bereits knapp 30 Prozent. Besonders ernst ist die Lage im Indischen Ozean.

Einer Studie zufolge könnten in 100 Jahren sämtliche Korallenriffe der Welt abgestorben sein.

Info:
www.3sat.de/nano/bstuecke/04999
www.vinythai.co.th
www.nationalgeographic.de

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