Ein Kunststoff – viele Gesichter

Tuttitubi, Destino und Weeve – aussergewöhnliche Namen für aussergewöhnliche Objekte: Schläuche, Weichbahnen und Platten aus Polyvinylchlorid haben acht Designer aus sieben europäischen Ländern zu ebenso einfallsreichem wie funktionalem Mobiliar inspiriert. Zu sehen waren die Exponate auf der PVC Design in Mailand. 

Die Ausstellung war Teil der Initiative PVC for life and living des Europäischen Verbandes der PVC-Industrie. Der ECVM hatte für die Prototypen der jungen Designer ein ausgefallenes Ambiente gewählt: Der Branca Tower, 100 Meter über den Dächern der italienischen Stadt, war die passende Umgebung für Kunststoff-Schöpfungen, die alles andere als 08-15-Gegenstände sind.
Da ist zum Beispiel Destino, der Papierkorb des Designers Jacco Bregonje. Sein ganzes Herzblut hat der Niederländer in diese Arbeit gesteckt: Fetzen zerrissener Liebesbriefe an seine Freundin sind von zwei transparenten PVC-Bögen umschlossen. Die Silhouette des Papierkorbs ist geschwungen, erinnert an ein Herz. Das funktionale und gefühlvoll gestaltete Objekt als Sinnbild dafür, dass amouröse Offenbarungen oftmals eben nicht in den Händen des angebeteten Menschen landen …

Flexible Kreationen
Zwei Gesichter haben die Kreationen des englischen Designers Marc Krusin. Lo Pod, im zitronengelben Design, dient entweder als flaches Sitzpolster für zwei oder aber als eleganter Sessel für eine Person. Ein Knick in der Mitte der Sitzfläche, und fertig ist die Rückenlehne für den Einsitzer. Möglich macht’s die flexible Struktur des verwendeten Materials: Die Sitzfläche ist aus weichem und hartem PVC gepresst. Die Biegsamkeit und Flexibilität des Materials nutzt Krusin auch bei seinem zweiten Prototyp. Weeve, der Name verheisst Leichtigkeit und Bewegung. Das zarte pinkfarbene Gewebe kann als spanische Wand dienen oder aber als Jalousie. Spielend leicht lässt Weeve sich ausziehen und wieder zusammenfalten – ein praktisches und auffallendes Gestaltungselement.

Symbiose aus Holz, Stroh und PVC
Wem die Prototypen von Krusin zu kühl sind, dem wird Dos gefallen, der Sitzwürfel der spanischen Designerin Beatriz Diaz Matud. Warme Farben, Holz und Stroh verleihen den drei Hockern, die ineinander geschoben werden können, ihren ganz eigenen Charakter. Zwei der hölzernen Sitze sind mit einer industriell gewebten PVC-Folie bezogen. Der dritte Hocker besteht komplett aus Kunststoff – in den allerdings Stroh eingearbeitet wurde. Raffiniert hebt Diaz so den scheinbaren Gegensatz von Natur und Kunststoff auf, die Materialien harmonieren perfekt miteinander.

Eine ganz andere Verbindung fällt dem Betrachter bei Tuttitubi auf – die von Industrie und Design nämlich. Das Gestell des Stuhls besteht aus Rohren und Rohrgelenken, einer sich mehrfach verzweigenden Wasserleitung ähnlich. Bequem ist Tuttitubi (zu deutsch: alles Rohre) vor allem dank der von Designer Lorenzo Damiani hergestellten weichen Sitzfläche aus PVC.
Auch die Schwedin Sonia Wallen hat sich von unspektakulären Gegenständen inspirieren lassen. Ihre futuristische und filigrane Vase Flower besteht aus einem Bündel von transparenten PVC-Schläuchen. Jeder Schlauch fasst eine Blume. Der Clou: Die schlanken Kunststoff-Röhren können abgeschnitten und der Länge der Blumenstiele angepasst werden.

Einladung zur Biennale nach Venedig
Die Mailänder Show hat erneut bewiesen, dass PVC den Wohnkomfort auf hohem Niveau steigert – und wortwörtlich zum Kunst-Stoff avanciert. Genau das war auch das Ziel der Initiative PVC for life and living, die der ECVM 1999 ins Leben gerufen hat: Designer zu ermutigen, mit der Vielfalt von PVC zu experimentieren. Im Vorfeld der Mailänder Präsentation hatten die Künstlerinnen und Künstler gerade einmal drei Monate Zeit, Ideen zu entwickeln und zu verwirklichen. Umso beeindruckender sind die phantasievollen und alltagstauglichen Ergebnisse.
Über eine besondere Auszeichnung freute sich Riccardo Giovanetti: Sein Prototyp Feather wird sogar bei der diesjährigen Kunst-Biennale in Venedig ausgestellt. In dem aus zwei weichen, transparenten PVC-Bahnen gefertigten Kissen gleiten Federn umher. Sanft strahlend heben sie sich mit ihren bunten Farben besonders gut ab von der weissen Füllung des Kissens. Bleibt den jungen Designern zu wünschen, dass Feather, Tuttitubi & Co. alsbald ihren Weg in die Wohnzimmer finden werden.

Info:
www.ecvm.org

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