Ein Museum sieht rot

155 Meter Länge, 23 Meter Breite und 35 Meter Höhe: Das sind die gewaltigen Dimensionen der Turbinenhalle, die zur Londoner Tate Modern gehört. Viel Platz also für unzählige Gemälde und Skulpturen. Anish Kapoor, nach Louise Bourgeois und Juan Munoz der dritte Künstler, den das Museum eingeladen hat, die Halle zu füllen, hat jedoch nur ein einziges Kunstwerk entworfen: Seit Anfang Oktober durchquert seine Skulptur “Marsyas” aus PVC-Folie das Ausstellungsgebäude. 

Beim Betreten der Turbinenhalle sehen die Besucher rot: Die leuchtende Farbe einer riesigen PVC-Membran lässt die Form der Installation zunächst in den Hintergrund treten. Doch auch wenn die Augen diese Farbgewalt verarbeitet haben, sind sie nicht in der Lage, das ganze Kunstwerk zu erfassen. Ob vom Boden aus, von einer der seitlichen Galerien oder von der Brücke, die den Raum teilt: Immer sind nur Ausschnitte von Marsyas zu sehen. Und je nach Standort nimmt die Skulptur eine andere Gestalt an. Es ist die Herausforderung an den Betrachter, diese Bilder im Kopf, Puzzleteilen gleich, zusammenzusetzen. Jeder Besucher erlebt die Skulptur anders – Marsyas wird gewissermassen ständig neu erfunden.

Reissfeste Installation
Trotz ihrer gewaltigen Ausmasse besteht die Installation nur aus vier Teilen: An den zwei Schmalseiten des Raumes hängt jeweils ein riesiger Stahlring, der fast die gesamte Höhe der Halle einnimmt. Ein dritter etwas kleinerer Ring, schwebt parallel zum Fussboden über den Köpfen der Besucher. Zwischen diesen Ringen spannt sich die PVC-Membran. So entsteht eine Art riesiger Plattenteller, von dem seitlich zwei gigantische Grammophon-Trichter wegstreben. Würde man die Skulptur aufrichten – also von der Horizontale in die Vertikale bewegen – , wäre sie so hoch wie ein 40-stöckiges Hochhaus. Wegen dieser enormen Grösse hat Anish Kapoor eng mit einem Bauingenieur zusammengearbeitet. Dessen Aufgabe war es sicherzustellen, dass die Skulptur nicht plötzlich unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbricht. Auch die speziell entwickelte PVC-Membran sorgt für Stabilität: Sie besteht aus einem einzigen Stück und hält den enormen Zugkräften stand, die auf die Skulptur einwirken.

Anish Kapoor wurde 1954 im indischen Bombay geboren. Er lebt seit 1973 in London, wo er die renommierte Chelsea School of Art besuchte. Seine Arbeiten sind weltweit ausgestellt worden und befinden sich heute in zahlreichen staatlichen und privaten Sammlungen. 1990 erhielt er den Premio Duemila-Preis, ein Jahr später den Turner-Preis. Kapoor ist Ehrenmitglied des Royal Institute of British Architecture. Im März 2003 wird er mit dem Gonzáles-Preis ausgezeichnet, den das Institut Valencia d’Art Modern vergibt

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