Lebender Verband heilt schwere Wunden

Britische Forscher züchten Hautzellen der Patienten auf flexiblen PVC-Scheiben und schliessen damit chronisch offene Wunden. Beschichtete Getränkekartons lieferten die Inspiration für die neue Heilmethode. 

Die Idee dahinter ist eigentlich ganz einfach. Ähnlich wie bei der Beschichtung von Tetrapacks wird auf das PVC ein dünner Film eines Acrylsäure-Polymers gelegt. Die Hautzellen der Patienten werden darauf appliziert und vermehren sich dort, bis sie auf die Wunde gelegt werden. Dann wachsen sie auf der Wunde weiter. Die PVC-Scheibe ist dünn, flexibel und transparent – “wie ein grosses Pflaster, das wir zurechtschneiden, damit es genau auf die Wunde passt”, erklärt David Haddow, Manager des britischen Biotechunternehmens CellTran, das die spektakuläre Therapie entwickelt hat.

Einblick in den Heilprozess
Das Acrylsäure-Polymer, auf dem die Hautzellen gezüchtet werden, bleibt intakt, bis es auf die Wunde aufgetragen wird. Innerhalb weniger Tage beginnt es sich aufzulösen und das PVC-Pflaster kann schmerzlos entfernt werden. Der Vorgang wird einige Male wiederholt, bis der Wundherd geschlossen ist. Erste Versuche bei Patienten mit diabetischen Beingeschwüren verliefen erfolgreich. Die “lebenden Verbände” beschleunigen die Wundheilung, verhindern Infektionen und beugen so auch Amputationen vor.

“Wir haben uns aus mehreren Gründen für Weich-PVC als Trägermaterial entschieden”, sagt Haddow. “Es ist flexibel, die Wunde kann dadurch präzise und hygienisch abgedeckt werden. Es ist transparent, dadurch können wir den Wundheilungsprozess besser beobachten. Ausserdem hat es sich seit Jahren in der Medizin bewährt, ist als medizintechnischer Werkstoff geprüft und zugelassen.” Wegen seiner guten Eigenschaften ist PVC für viele wichtige Produkte der Medizintechnik unersetzbar. Die Palette der Anwendungsfelder reicht von Medikamentenverpackungen, Sauerstoffzelten und Kontaktlinsen bis zu Kathetern, Infusions-, Dialyse- und Blutbeuteln.

Gründe für den häufigen Einsatz von PVC in medizinischen Bereichen liegen in der hohen Biokompatibilität und Formbeständigkeit des Kunststoffes, seiner einfachen Sterilisierbarkeit und chemischen Widerstandsfähigkeit. Dass PVC zudem ein sehr niedriges Allergiepotenzial besitzt, erweist sich bei Wundauflagen und Verbänden als besonders vorteilhaft.

Schätzungen zufolge leiden in Europa und den USA rund sechs Millionen Menschen an schwer heilenden Wunden, die zum Beispiel durch Diabetes, Verbrennungen oder Wundliegen bei bettlägerigen Patienten verursacht werden. Eine Behandlung mit der CellTran-Methode ist allerdings nicht ganz billig. Haddow schätzt die Kosten für den Patienten auf rund 1.500 Euro. CellTran, ein Tochterunternehmen der University of Sheffield, sucht derzeit nach Geldgebern, um die Methode weiter testen und marktreif machen zu können.

Weich-PVC ist ein ideales Trägermaterial: Durch seine Flexibilität kann die Wunde präzise und hygienisch abgedeckt werden, seine Transparenz ermöglicht die Beobachtung des Wundheilungsprozesses.

Info:
www.shef.ac.uk

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