Lebenskünstlerin

“Design ist Risiko. Nur wer sich etwas traut, kommt voran.” Die französische Designerin Matali Crasset hat dabei das Ziel klar vor Augen: Sie will die althergebrachten Vorstellungen vom Wohnen aufbrechen und neue Formen für ein modernes Leben schaffen. Da ist es nur konsequent, dass zeitgemässe Materialien wie Kunststoffe in Crassets Entwürfen eine zentrale Rolle spielen. 

Ein Loft, gelegen an einem Hinterhof in der Pariser Innenstadt. Wer die Tür öffnet und eintritt, steht in einem Büro. Skizzen hängen an der Wand, Designer sitzen vor Computern und arbeiten an Möbelentwürfen. Ein Blick nach rechts: das Wohnzimmer, das gleichzeitig Küche und Kinderzimmer ist. Gedämpfte Loungemusik ist zu hören. Bunte Sessel laden zum gemütlichen Sitzen ein, direkt daneben ein Berg Spielzeug und ein Kinderschreibtisch. Ein paar Schritte weiter stehen Küchengeräte aus Edelstahl.

“Ich liebe es zu mixen”, sagt Matali Crasset. Und das gilt vor allem in ihrem Beruf; hier ist die 38-Jährige in vielen unterschiedlichen Disziplinen erfolgreich. Sie hat Gegenstände des Alltags wie Strandlaken und Kaffeemaschinen entworfen. Ebenso gestaltet Crasset aussergewöhnliche Messestände. Und auch futuristische Installationen gehören in das Repertoire der Designerin.

Grundlage für das vielseitige Schaffen von Matali Crasset ist zunächst ein Studium an der renommierten École Nationale Supérieure de Création Industrielle in Paris. Nach ihrem Abschluss 1991 arbeitet Crasset für die bekanntesten zeitgenössischen Designer und baut ihr Können ständig aus. Zunächst in Mailand als Mitarbeiterin von Denis Santachiara, der für sein funktionales Möbeldesign berühmt ist. Zweite wichtige Erfahrung für die junge Künstlerin: die Zusammenarbeit mit dem Designstar Philippe Starck. Fünf Jahre ist Matali Crasset Mitglied seines Teams in Paris. Während dieser Zeit verantwortet sie ein Projekt des Elektronikherstellers Thomson Multimedia und leitet schliesslich das Designzentrum des Unternehmens. “Schon am Anfang meiner Karriere diese grossartige Chance zu bekommen, war wie ein Märchen für mich.”

Möbel, wechsle dich
Ihr bislang grösstes und wichtigstes Projekt verwirklichte Crasset, nachdem sie 1998 ihr eigenes Unternehmen gegründet hatte. Vor zwei Jahren eröffnete in Nizza das Hi Hotel. Crasset gestaltete es komplett – von der Innenarchitektur über das Möbeldesign bis hin zu den Accessoires. In den Zimmern spielt sie mit den Erwartungen der Besucher; schafft neue Kontexte für Leben und Schlafen. So gibt es beispielsweise einen Raum, der aussieht wie eine Terrasse – mit einer Toilette in der Gartenlaube. In anderen Zimmern wird das Wohnen auf den Kopf gestellt: Der Tisch dient als Bett, das Bett als Badewanne. Dabei ist das Design flexibel: Möbel lassen sich verändern. Auch Farben und Licht wechseln je nach Tageszeit.

“Mir ist wichtig, dass sich die Räume und Möbel den Menschen anpassen”, sagt Crasset. Das gelingt ihr auch mit der “Air Corner” aus dem Jahr 2001. Das Objekt aus PVC hat einen Boden und zwei Seitenwände, die mit Luft gefüllt sind. Es kann als Sofa genutzt werden, gleichzeitig ist es eine Art Mini-Gästezimmer: Wird das Möbel umgedreht, entsteht ein eigener kleiner Raum. Die Verwendung von Polyvinylchlorid lag für Crasset auf der Hand. Denn Air Corner sollte leicht und gleichzeitig strapazierfähig sein.

Design auf Probe
Matali Crasset ist auf dem Land aufgewachsen. Wäre es da nicht logischer, mit natürlichen Werkstoffen zu arbeiten? “Künstliche Materialien sind ja nicht zwangsläufig schlechter als natürliche”, sagt Crasset. “Die Baumwollproduktion beispielsweise verursacht grosse Umweltverschmutzungen.” Für die Künstlerin steht im Vordergrund, dass der Werkstoff zum Design passt. “Wenn ich über die Form entscheide, lege ich gleichzeitig das Material fest. Denn das eine bedingt das andere. Und Kunststoffe sind besonders wandelbar.” Deshalb nutzt sie diese Materialien nicht nur für praktische Objekte wie die Air Corner, sondern vor allem bei Projekten für Kunstausstellungen und Messen. “Dort kann ich für einige Tage auch ungewöhnliche Ideen und Materialien ausprobieren und sehen, wie die Leute darauf reagieren.”

Ein Bad im Licht
Neues ausprobieren, Visionen entwickeln: Darum ging es auch bei der dreiteiligen Installation “Update/Three Spaces in One”, die Matali Crasset 2002 für die Ausstellung eines deutschen Badarmaturen-Herstellers entworfen hat. Update zeigt, wie Badezimmer in Zukunft aussehen könnten. Ein Teil der Installation ist der “Energizer”, eine Art Lichtbad. “Die wohltuende Wirkung von Licht auf unseren Körper ist längst entdeckt und sie wird auch medizinisch genutzt”, sagt Crasset. “Energizer steht als Symbol für die Idee, ein Lichtbad in den Alltag zu integrieren.” Anschaulich macht Crasset diese Vision mit Kunststoff: Im Zentrum eines drei Meter hohen transparenten Kubus steht eine aufblasbare gelbe Puppe aus PVC. Sie ist umgeben von einer transparenten Hülle. Gelbe Bänder, die Lichtstrahlen symbolisieren, treffen von den Wänden auf diese Puppe.

Für Polyvinylchlorid hat sich Crasset bei der Installation aus ästhetischen und funktionalen Gründen entschieden. Zum einen reflektiert das Material das Licht sehr gut. Dadurch entstehen auf der transparenten Hülle der Puppe interessante Spiegelungen. “So wirkt das Ganze ein wenig magisch.” Den zweiten Vorteil von PVC skizziert Crasset mit wenigen Strichen auf ihrem Notizblock. “Es ist so: Mit einer Art Schweisstechnik können die einzelnen Komponenten der Puppe ohne Kleber fest verbunden werden, so dass keine Luft entweichen kann. Das ist nur mit wenigen Kunststoffen möglich.” Deshalb greift die Künstlerin bei aufblasbaren Installationen immer wieder auf PVC zurück.

Etwa für den “Meeting Point”, den Crasset für eine Ausstellung in Monaco gestaltet hat: Er besteht aus fünf riesigen sitzenden Puppen, die an den Armen miteinander verbunden sind. Auf den Beinen der Puppen, die aus besonders weichem PVC bestehen, konnten Besucher toben, sich miteinander unterhalten oder entspannen. Ruhe fanden Gäste auch in einer Lounge von Crasset, die während einer Pariser Messe aufgebaut war: In einer Blase aus Kunststoff konnten die Messebesucher abgeschottet von der Welt relaxen.

Designer müssen mutig sein
Mit ihren Arbeiten hat Matali Crasset international für Aufsehen gesorgt: Ihre Werke sind unter anderem im New Yorker Museum of Modern Art und im Centre Georges Pompidou in Paris ausgestellt. Inzwischen gibt die Künstlerin ihr Wissen an Designstudenten weiter. Regelmässig leitet sie Workshops an verschiedenen europäischen Hochschulen. “Ich experimentiere viel mit den Studenten. Ich will, dass sie mit ihren Designs etwas wagen.” Denn Mut ist die Triebfeder für notwendige Veränderungen, die Crasset mit voranbringen will. “Bislang kopieren unsere Wohnungen und Einrichtungen noch die unserer Eltern”, sagt Matali Crasset. Die Lebensweisen hätten sich aber deutlich verändert. “Für die neuen Bedürfnisse das passende Umfeld zu gestalten, ist heute die wichtigste und spannendste Aufgabe für Designer.”

Info:
www.matalicrasset.com

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