PVC geht auf grosse Fahrt

In wenigen Wochen gibt es in den Häfen der Welt eine neue Attraktion zu bewundern. Eine Mastspitze wird über allen anderen aufragen – so hoch wie ein Bürogebäude mit 26 Stockwerken. Sie gehört zu einer Jacht der Superlative: Die Mirabella V ist das grösste jemals gebaute Segelschiff mit nur einem Mast. Ihr 75 Meter langer Rumpf besteht komplett aus faserverstärktem Kunststofflaminat mit einem Kern aus PVC. 

Southampton, traditionsreiche Hafenstadt im Süden Englands: Von hier segelten 1620 die Pilgerväter mit der Mayflower in die Neue Welt. Fast drei Jahrhunderte später legte die Titanic vom Pier zu ihrer verhängnisvollen Jungfernfahrt ab. Der Hafen ist für die Stadt jedoch nicht nur das Tor zur Welt, auch viele Werften sind dort angesiedelt. Zwar haben sie in den vergangenen Jahrzehnten an wirtschaftlicher Bedeutung verloren, doch noch immer können sich Schiffe made in Southampton sehen lassen: wie die Mirabella V.

Seit zwei Jahren wird die Jacht in einer grossen Halle der Marine-Werft Vosper Thornycroft gebaut. An dem Schiff arbeiten fast hundert Unternehmen aus aller Welt, die jeweils auf bestimmte Aufgaben spezialisiert sind. “Bei einem so anspruchsvollen und grossen Projekt muss man die besten Experten weltweit engagieren”, betont Projektleiter Paul Johnson. Deshalb werden beispielsweise die Segel in Spanien, Neuseeland und den USA gefertigt. Aus Deutschland kommen Winden und Taue, um die Innenausstattung kümmern sich Briten und Niederländer. Fast alle Teile der Jacht sind Spezialanfertigungen.

Grandhotel auf See
Auftraggeber der Mirabella ist der US-Amerikaner Joseph Vittoria, der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Autovermieters Avis. Er wird die Jacht im Superluxus-Charterbetrieb betreiben, zum Mietpreis von 250.000 Dollar die Woche.

Für diese stolze Summe bekommen die Gäste einiges geboten, denn der Komfort der Mirabella steht dem eines Grandhotels in nichts nach. Zwölf bis fünfzehn Mann Besatzung kümmern sich um das Wohl der maximal zwölf Gäste. Deren Kabinen bieten alle modernen Annehmlichkeiten: Zur Ausstattung gehören ein Wannenbad, ein Flachbildfernseher mit DVD-Player, ein Musiksystem sowie Internetzugang und Telefon per Satellit. Bei so viel Elektronik sorgen Möbel und Böden aus Teakholz für die richtige Windjammer-Atmosphäre.

Das Skydeck lädt zu Grillpartys oder kühlen Drinks an der Bar ein. Abends wird es zum Freiluftkino: Auf einer grossen Leinwand können sich die Gäste die neuesten Filme anschauen. Eine weitere Attraktion gibt es auf dem Vordeck: Die beiden grossen Mulden der Beiboote lassen sich mit Wasser füllen und zu Whirlpools umfunktionieren – komplett mit Sonnensegel und eigenem Sound-System. “Können Sie sich vorstellen, wie Sie dann im Wasser liegen und nach oben schauen? Der Mast ragt fast 90 Meter in den Himmel und über Ihnen bläht sich das grösste Segel der Welt”, schwärmt Paul Johnson. Mit seinen 1.833 Quadratmetern hat allein das Genuasegel der Mirabella die Fläche von neun Tennisplätzen.

Hightech aus Kunststoff
Wenn alle Segel gesetzt sind und der Wind günstig steht, soll die Jacht Geschwindigkeiten von mehr als 20 Knoten (37 km/h) erreichen können. Zu dieser Spitzenleistung trägt auch die besonders schnittige und vor allem sehr leichte Bauweise der Mirabella bei. Gleichzeitig muss das Schiff den enormen Belastungen durch die riesige Segelfläche und den 150 Tonnen schweren Kiel standhalten können. Eine echte Herausforderung für die Konstrukteure um Chefdesigner Ron Holland. Sie entschieden sich dafür, die Mirabella nahezu vollständig aus äusserst leistungsfähigen Kunst- und Verbundstoffen zu bauen. Denn die heute verfügbaren Materialien sind nicht nur sehr leicht, sondern auch extrem widerstandsfähig.

Nach den Vorgaben der Designer entwickelte die Firma High Modulus eine spezielle Sandwichkonstruktion für Rumpf und Aufbauten der Jacht: Aussen- und Innenhaut sind jeweils rund einen Zentimeter dick und bestehen aus mehreren Lagen Kevlargewebe und E-Glasfasern. Dazwischen liegt eine drei bis fünf Zentimeter dicke Füllung aus PVC-Schaum. Besonders beanspruchte Stellen sind zusätzlich mit Kohlefasern verstärkt.

Eine technische Meisterleistung ist der Mast, der vollständig aus Kohlefasermaterial gefertigt ist. Obwohl seine Wandstärke nur etwas mehr als zwei Zentimeter beträgt, kann er eine maximale Belastung von 1.500 Tonnen aushalten. “In der Praxis werden wir jedoch nie mehr als 450 Tonnen erreichen”, so Paul Johnson.

Die Technik der Zukunft
Wie so vieles an der Mirabella war auch die Herstellung der einzelnen Bauteile spektakulär. Um beispielsweise den Rumpf zu fertigen, bauten die Experten von Vosper Thornycroft und High Modulus eine 75 Meter lange Form – die grösste ihrer Art weltweit. In ihr verleimten sie zunächst die Schichten der Aussenhaut mit einem speziellen Epoxydharz und trugen dann die Füllung aus PVC-Schaum auf. Damit beim Verkleben keine Hohlräume zwischen Aussenhaut und Schaum entstanden, wurden die einzelnen Bauabschnitte mit einer Plane versiegelt und luftleer gepumpt. Auf den PVC-Schaum klebten die Werftarbeiter schliesslich die Innenhaut. Nach dem gleichen Verfahren fertigten sie parallel die Aufbauten.
Für Paul Johnson ist die Sandwichkonstruktion der Jacht zukunftsweisend: “Zwar sind solche Verbundwerkstoffe aus Kunststoff bei kleineren Booten schon länger Standard. Die Mirabella beweist jedoch, dass auch grosse Schiffe auf diese Weise gebaut werden können.”

Schweizer Wertarbeit
Etwa 35 Tonnen Airex PVC-Schaum gehen mit der Jacht auf Weltreise. Der Kunststoff hat jedoch schon bis zur Werft einen weiten Weg zurückgelegt. Er stammt von der Alcan Airex AG, die in dem kleinen Schweizer Ort Sins ansässig ist – weitab vom Meer und mit Blick auf die Alpen. Das Unternehmen ist der weltweit führende Hersteller von Spezialschaumstoffen, unter anderem für Sandwichkonstruktionen. Nach Southampton lieferte Alcan Airex grosse Platten aus PVC-Schaum, die bei Vosper Thornycroft genau auf die Form des Rumpfes zugeschnitten wurden. “Sie müssen sich das wie ein gigantisches Puzzle vorstellen: Jedes Teil passte genau an eine bestimmte Position”, erläutert Paul Johnson.

Der PVC-Schaum besitzt eine Reihe von Eigenschaften, die ihn zum idealen Material für das Rumpflaminat der Mirabella machen: Trotz seines geringen Gewichts hält er enormen statischen und dynamischen Belastungen stand. Zugleich ist er sehr haltbar und nimmt kaum Wasser auf – eine wichtige Eigenschaft, falls die Aussenhaut des Schiffes einmal beschädigt werden sollte. Ausserdem isoliert der Kunststoff gut gegen Wärme und Kälte.

Endlich im Wasser
Am 26. September 2003 wurde das Rumpflaminat einer ersten Belastungsprobe unterzogen: An diesem Tag lief die Mirabella vom Stapel. Von Southampton ging es dann ins benachbarte Portsmouth, wo das Schiff derzeit Kiel und Mast erhält. Anschliessend stehen ausgedehnte Testfahrten im Ärmelkanal auf dem Programm. Dabei wird die Crew extremer segeln als später im normalen Charterbetrieb. “Das Schiff segelt problemlos mit einer Neigung von 30 Grad hart am Wind”, erläutert Paul Johnson. “Für die Gäste an Bord wäre eine solche Schieflage allerdings ziemlich beängstigend, vom Komfort mal ganz abgesehen.” Furcht vorm Kentern muss jedoch niemand haben: Ein Computersystem beschränkt die maximale Seitenneigung des Bootes. Es löst bei zu starker Krängung automatisch die Schoten, das Schiff richtet sich wieder auf. Damit Kreuzfahrten auf der Mirabella ein Vergnügen bleiben, ist der Computer auf 20 Grad eingestellt.

Ende des Jahres übergibt Vosper Thornycroft die Mirabella feierlich an Eigner Joseph Vittoria. Die Jacht soll im Winter zunächst in der Karibik, später auch im Mittelmeer unterwegs sein. In einigen Häfen werden die Menschen das Schiff jedoch nie zu sehen bekommen: Wegen ihrer aussergewöhnlichen Masthöhe kann die Mirabella beispielsweise New York und San Francisco nicht anlaufen – die Brückendurchfahrten sind zu niedrig.

Share Button