Retter mit Speed

Bei Schiffsunglücken auf stürmischer See kommen Rettungskräfte oft nur quälend langsam voran. Während Boote gegen den hohen Wellengang ankämpfen müssen, liegen Helikopter zumeist wie Steine am Boden. Und steigen sie trotz widriger Bedingungen auf, können sie ihre Position über der Unglücksstelle gegen starke Böen oft nur schwer behaupten. 

Wie ist ein schneller und zielgerichteter Einsatz unter schlimmsten Witterungsbedingungen möglich? Französische und kanadische Ingenieure erarbeiteten auf der Werft Plessis-Marin bei Nantes eine Lösung für das Problem: SRO 73, den so genannten “Wellenstecher”. Dieses Boot ist stromlinienförmig gebaut und hat einen scharfen Bug. Nur in ruhigen Gewässern reitet es leicht auf den Wellen. Bei hohem Seegang hingegen durchsticht es die Wogen mit voller Kraft. Zwei leistungsfähige Wasserdüsen, wie sie beispielsweise für die Beschleunigung von Hochgeschwindigkeitskatamaranen eingesetzt werden, treiben das Boot an.
Bis zu fünf Meter tief kann es ins Wasser eintauchen, bevor es im Wellental wieder zum Vorschein kommt. Während herkömmliche Rettungsboote, wie sie etwa an der französischen Atlantikküste eingesetzt werden, bei schwerem Seegang gerade mal 15 Knoten erreichen, bringt es SRO 73 auf kontinuierliche 50 Knoten (rund 100 Stundenkilometer) – weitgehend unabhängig von Wind und Fluten.

Platz für zwölf Schiffbrüchige
Der rasende Wellenstecher ist 22 Meter lang, hat ein extrem geringes Volumen und ist in Leichtbauweise gefertigt: aus einer Schichtkombination von Glasfaser und PVC-Hartschaum des Schweizer Herstellers Alcan Airex AG, verbunden mit Epoxidharz.
Trotz der schmalen, wasserschnittigen Form haben neben der vierköpfigen Crew bis zu zwölf Schiffbrüchige Platz. Vier können liegend, acht sitzend im Bug des Bootes transportiert werden. Ist das Boot am Unglücksort angekommen, funktioniert auch die Bergung nach einem ganz speziellen Prinzip. Über eine Heckluke werden zwei Jetskis (eine Art Wassermotorräder) ausgesetzt, auf denen jeweils ein Pilot und ein Arzt zu den Schiffbrüchigen gelangen – und auf Jetskis geht’s mit den Geborgenen auch zurück an Bord. Dort steht die notwendige medizinische Ausrüstung bereit, um Verletzte sofort zu behandeln. Gildas Plessis, einer der an der Entwicklung des Bootes beteiligten Ingenieure: “Wenn dieses Projekt hilft, die Sicherheit auf See zu verbessern, haben wir unseren Job getan.”

Derzeit wird der Prototyp im Becken getestet, spätestens 2003 soll SRO 73 dann in Serie gehen. Voraussichtlicher Preis für den schnellen Flitzer: zwei Millionen Mark.

 

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