Rückgrat mit Hartschaumkern

Die Re 460 ist die modernste und wichtigste Elektrolok der Schweiz. Bei der Produktion der Führerkabinen wurde erstmals im Schweizer Lokomotivbau in großem Maße Kunststoff verwendet. 

Mitte der 1990er Jahre rasten mattschwarze Loks durch die Schweiz, auf deren Seitenwände lebensgroße Heizer aufgemalt waren. So entstand der Eindruck, der Betrachter hätte den Seitenaufriss einer Dampflok vor sich. Das sah zwar sehr gut aus, hatte aber mit der Realität wenig zu tun. Hinter den Zeichnungen von Dampfkesseln verbargen sich vier hochmoderne Elektromotoren. Die mattschwarzen 81-Tonnen-Ungetüme mit der aerodynamischen, fast futuristischen Kopfform waren Loks vom Typ 460: Die modernsten Elektroloks der Schweiz.

Gesucht: Eine moderne Universallokomotive
In den 1980er Jahren entwickelten die Schweizer Bundesbahnen (SBB) unter dem Motto “Häufiger, rascher, direkter und bequemer” das Konzept “Bahn 2000”. Ein wichtiges Element dieses Konzepts war die Einführung einer neuen Universallokomotive. Sie musste allerdings erst entwickelt werden, denn in der Schweiz gelten einzigartige Anforderungen an Universalloks. Sie müssen Dienst in drei ganz unterschiedlichen Bereichen leisten: Auf dem sehr kurvenreichen Stammnetz, im Personenschnellverkehr auf Neubaustrecken und im schweren transalpinen Güterverkehr auf der Gotthard- und Lötschbergachse. Zudem sollte die neue Lok extremen Wetterbedingungen Stand halten: Im Sommer 30 Grad Celsius und 100 Prozent relative Luftfeuchtigkeit in den Alpentunneln, im Winter Temperaturen bis minus 20 Grad Celsius und starker Schneefall.

Entscheidung für die Re 460
1985 konnte sich ein Konsortium bestehend aus ABB und der Schweizer Lokomotivfabrik SLM gegen internationale Konkurrenz durchsetzen und erhielt den Entwicklungsauftrag für die später auch “Lok 2000” genannte Re 460. Die Bestellung von 75 dieser Lokomotiven war 1990 die größte Serien-Bestellung in der Geschichte der SBB. Neben dem Design überzeugte vor allem die Leistungsfähigkeit der Lok: Grosse Anfahrzugkraft, gutes Beschleunigungsvermögen auch bei hoher Geschwindigkeit und hervorragende Laufeigenschaften in allen Geschwindigkeitsbereichen und auf kurvigen Strecken. Die neuen Loks leisteten ab 1993 ihren Dienst zunächst im Güterverkehr. 1996 zogen und schoben fünf Re 460 einen riesigen Güterzug mit rund 180 Achsen, 550 Metern Länge und über 3.100 Tonnen Güterlast problemlos über den Gotthard. Inzwischen werden die mittlerweile 119 Re 460 der SBB ausschließlich im Personenverkehr eingesetzt. “Sie ist die wichtigste Lok der Schweizer Bahn und das Rückgrat unseres Personenverkehrs”, erklärt Christian Ginsig, Mediensprecher der SBB. Neben normalen Personenzügen zieht sie auch InterCity Doppelstockzüge, die auf Strecken wie St. Gallen – Genf mit bis zu 1000 Sitzplätzen und 200 km/h Höchstgeschwindigkeit verkehren.

Führerkabine aus Kunststoff
Bei der Produktion der Re 460 wurden erstmals in der Geschichte des Schweizer Lokomotivbaus in großem Maße Kunststoffe verarbeitet: Das Frontteil, die Seitenteile und das Dach der Führerkabine bestehen aus Glasfaser- Verbundwerkstoffen (GFK). Die Kabinenteile werden in Sandwichbauweise produziert: Zwischen den Deckschichten aus GFK ist als Kernmaterial eine Schicht vernetzter PVC-Hartschaum eingesetzt. Diese Sandwichstruktur ist wesentlich leichter als Metall und spart rund eine Tonne Fahrzeuggewicht. “Trotz des niedrigeren Gewichts mussten bei der Leistungsfähigkeit keine Abstriche gemacht werden. Die Sandwich-Verbundwerkstoffe bieten eine hervorragende Steifigkeit und Festigkeit. Durch die Wahl von PVCHartschaum als Kernwerkstoff gelingt es, Sandwichstrukturen mit hervorragender Schlagzähigkeit herzustellen. Die Schadenstoleranz beim Aufprall von Fremdkörpern ist bei diesen Strukturen sehr hoch”, erklärt Markus Wanner von der Schweizer Alcan Airex AG. Der 49-jährige ist als Product Manager unter anderem für den PVC-Hartschaum der Kabinenhülle verantwortlich.

Kunststoffe ermöglichen neues Design
“GFK-Bauteile lassen verglichen mit herkömmlichen
Stahl- oder Aluminiumbauteilen eine bessere Anpassung an die Aerodynamik zu. GFK-Bauteile ermöglichen dadurch auch neuartige Designs”, so Wanner. Die von dem bekannten italienischen Designer Sergio Pininfarina entworfene Kabinenform hätte in Metallbauweise einen viel zu hohen Aufwand verursacht.

Loks als rasende Werbeträger
Zum neuartigen Design passt es, dass die 460er Loks die ersten waren, die die SBB als Werbeträger einsetzten. Teile der 460er-Flotte brausen in ständig wechselnden Farbdesigns durch die Schweiz: Weiss für den Biscuit-Hersteller Kambly, Silber für die Schweizer Rentenanstalten, Blau für Pepsi Cola, Gelb für die Reisebank Western Union oder Mattschwarz mit aufgemalten Heizern für den Modelleisenbahnhersteller Märklin.

Exporte nach Skandinavien und China
Durch Vielseitigkeit und Zuverlässigkeit eignet sich die Lok 2000 für den Export in ganz unterschiedliche Länder. Mitte der 90er Jahre wurden 20 abgewandelte Versionen der Weiterentwicklung Re 465 an die finnischen Staatsbahnen geliefert, die schwedischen Staatsbahnen bestellten 22. In Skandinavien müssen die Schweizer Loks ihren Dienst bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad Celsius leisten. Im selben Zeitraum wurden auch elektrische Komponenten der Lok nach Indien geliefert. Die längste Reise traten zwei Loks an, die 1997 an die Canton Railway Corporation in Hongkong geliefert wurden.

Große Auswahl für Modelleisenbahnfans
Die Lok 2000 ist nicht nur bei Eisenbahnern, sondern auch bei Modelleisenbahnfans beliebt. Es gibt eine riesige Vielfalt von Modellen aller Spurweiten. Für die Hersteller der Miniaturen sind vor allem die Werbeloks Modellvorlagen: Allein Märklin und der Schweizer Hersteller HAG produzierten Dutzende verschiedener Modelle dieser Werbeloks. Aber nicht nur den Modellbauern wird die Lok in Zukunft erhalten bleiben. “Wir rechnen noch mit einer sehr langen Einsatzdauer dieser Lok”, erklärt Christian Ginsig von den SBB. Für viele Eisenbahnfans ist die 460 immer noch die schönste und innovativste europäische Lok.

Info:
www.sbb.ch

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